Susi

Walters Bart

Es ist raus. Walter ist jetzt solo. Seine Frau Susi hat ihn verlassen. Die Kinder hat sie mitgenommen. Auf und davon ist sie, nach Australien. Da hat sie wohl nen Neuen.

„Was sie an dem nur findet, Mietze? Was hat der nur, was ich nicht habe? Noch nicht mal Haare hat er. Ach, soll sie doch mit dem Glatzkopf bleiben wo der Pfeffer wächst“, vertraute mir Walter vor ein paar Tagen nach Beendigung der Schmollphase an. Dann schaute er in den Spiegel – wir befanden uns im Badezimmer – strich über seinen Bart, seufzte: „Da müssen wir jetzt ran, was Mietzilein?“, nahm die Schere, kappte das Barthaar auf Vor-schmoll-Phasen-Länge und überlegte, sein Konterfei taxierend: „Was machen wir denn daraus Schönes, hm, gibt ja heute die dollsten Sachen?“

 

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„Am Ende hat sie sich an meinem Bart gestört, jetzt, wo sie auf mit ohne Haare steht. Soll ja voll sein mit Bakterien, so ein Bart.“, nuschelte er, während er sich großzügig mit Rasierschaum einseifte. Dann griff er zum Rasierer und machte sich ans Werk. Bald war das Vor-schmoll-Phasen-Stadium wieder hergestellt

 

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und er nahm die behaarte Zone über der Oberlippe in Angriff. „So ein Bart ist ja Ausdruck für Individualität und Selbstbewusstsein, sagt man“, erklärte er, in seinem Tun plötzlich inne haltend.

 

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„Egal, was ab muss, muss ab“, fuhr er fort und rasierte weg, was ihn ein halbes Leben lang, die glücklichen Ehejahre mit Susi inklusive, begleitet hatte.

„Na, wie seh ich aus?“, wollte er wissen.

 

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„Ist mir egal, so lange Du nicht auf die Idee kommst, mich zu rasieren“, gab ich zur Antwort.

„Wie neu geboren, was Mietze?“, fügte er an, tätschelte meinen Kopf und startete mit einem beherzten „So, jetzt gehen wir frühstücken“ in sein neues Leben.

Es scheint etwas Befreiendes zu haben, sich die Haare abzuschneiden. Ich habe das bei Menschen schon öfter beobachtet, das zeitgleiche Abwerfen von Fell und seelischen Altlasten. Walter geht es jetzt auf jeden Fall wieder besser.

Euch eine wundervolle Woche,

Eure Monni

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Der Fisch in mir

Letztes Wochenende war ich bei Walters Familie in ihrer Edelhütte zu Besuch. Ich wurde freudig begrüßt und bekam ein Stück frische Scholle. Nachdem ich alles verputzt hatte, begab ich mich auf die Sitzlandschaft. Gerade als ich ein Verdauungsschläfchen machen wollte, versammelte sich die Familie in der Wohnküche. Walter kramte eine DVD aus dem Regal, schaltete den Fernseher an, sagte: „So, hier also der versprochene Film. Dann schaut mal schön, Mama und ich fahren zum Einkaufen. In zwei Stunden sind wir wieder da“, und verließ mit Susi das Haus.

Max und Moritz setzten sich auf die Couchmodule rechts von mir und machten es sich gemütlich. Es lief der Film: „Der Fisch in uns“ – die Dokumentation eines amerikanischen Paläontologen über die Entwicklungsgeschichte des Menschen. Max und Moriz starrten gebannt auf den Bildschirm, wo neben Ausgrabungsstätten, Fossilien, Interviews mit Wissenschaftlern auch immer wieder computergenerierte Urzeitwesen gezeigt wurden.

Dann kam die Stelle, wo der amerikanische Wissenschaftler die Entwicklung der Gliedmaßen vom Urzeitfisch bis zum Menschen unter die Lupe nahm. Er analysierte die Gene und die Anatomie des Tiktaalik (Urzeitfisch), eines Hais, eines Huhns, einer Maus, des Menschen und erkannte bei allen das gleiche Grundmuster in der Anordnung der Gliedmaßen, bestehend aus einem Knochen (Oberarm) zwei Knochen (Elle und Speiche) und vielen kleinen Knochen (Finger). Dieses Grundmuster galt als Beleg für die Verwandtschaft von Fisch und Mensch. Fazit: Der Mensch hat Fisch in sich.

Moritz, der kleinere der beiden Brüder, war fasziniert von dem Satz: „ein Knochen, zwei Knochen, viele kleine Knochen“ und von der Idee, dass der Mensch Fisch in sich hat. Auf der Suche nach ein Knochen, zwei Knochen, viele kleine Knochen tastete er erst seinen eigenen Körper ab, dann den seines Bruders Max, dann kam ich dran: „Na Mietze, hast Du auch Fisch in Dir?“ Er drückte meine Vorderläufe, zog an meinen Ohren, tatsche an meinem Rücken rum und presste schließlich seine Fingerchen in meinen Bauch. Mir wurde schlecht, ich übergab mich und der Fisch (Scholle), der eben noch in mir war, lag nun vor mir. In kleinen, von Magensaft umgebenen Stücken zierte er Bouillabaisse-gleich die Sitzfläche der mit Leder bezogenen Couchgarnitur.

Ich machte mich aus dem Staub. Das filmische Ereignis hinterließ einen bleibenden Eindruck bei mir. In den Tagen danach begegnete ich noch diesem und jenem. In vielem erschien mir der Fisch darin.

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Von Zwergen, Bären und anderen schrägen Wesen

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Eine verrückte Woche liegt hinter mir. Schon am letzten Donnerstag ging es los. Bereits früh morgens hielt ein Bus mit der Aufschrift „Narren auf Tour“ auf dem Dorfplatz. Dem Gefährt entstieg eine Horde Wildgewordener im Schlafmützengewand. Nachdem ihnen vom örtlichen Landfrauenverein eine Gulaschsuppe kredenzt worden war, zogen sie durchs Dorf. Sie schlugen mit Suppenkellen und Kochlöffeln auf Töpfe und Bratpfannen ein und skandierten, vor jedem Haus Halt machend, in atonaler Eintracht, wüste Schlacht- und traditionelle Bettelgesänge.

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Irgendwann waren sie schräg gegenüber bei Meiers angelangt. Sie brüllten die Losung: „Hoorig, hoorig, hoorig isch diä Chatz, und wenn diä Chatz it hoorig isch, dänn fangt sie kaini Müüs“, die Tür öffnete sich, heraus kamen Frau Meier mit einem Sack voller Süßigkeiten und Herr Meier mit einer Flasche Schnaps und einem Tablett Gläser. Die Süßigkeiten wurden in einen mitgeführten Leiterwagen, der Schnaps auf die schon heiseren Kehlen geschüttet. Dann zogen sie weiter.

Am Nachmittag kam eine Gruppe phantastisch kostümierter Frauen an meinem Fenster vorbei. Mit dabei war Susi, als Harald Glööckler verkleidet. Einige der Frauen fuchtelten schrill lachend mit Scheren in der Luft herum.

Am nächsten Morgen, ich war gerade dabei, die Freitagsgeschichte zu posten, machte sich ein Bär mit gekappter Krawatte torkelnd an meinem Fenster zu schaffen. Mit dem abgeschnittenen Teil der Krawatte vollführte er wilde Auf- und Abbewegungen, als wolle er das Fenster putzen oder mir zuwinken.

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Den ganzen Samstag über liefen kleine Cowboys, Indianer, Hexen, Skelette, Prinzessinnen… im Dorf umher, ließen Knallfrösche los, jagten einander mit Besen und Beil die Straße hoch und runter oder machten anderen Unfug. Abends sah ich dann Susi, alias Harald Glööckler, gemeinsam mit dem Bären und ein paar Gartenzwergen zum Ochsen schlendern.

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Dort wurde bis spät in die Nacht eine wilde Party gefeiert. Immer wenn die Tür vom Ochsen geöffnet wurde, schwappte die Geräuschkulisse aus Gelächter, Palaver und lauter Musik raus in die Nacht.

Am Sonntag war es dann sehr ruhig im Dorf.

Am Montag bekam ich Besuch von Walter und Horst. Sie kamen vom Ochsenschwanzsuppe-Essen im Ochsen und waren als Piraten verkleidet. Walter holte aus der Ferienwohnung im Obergeschoss den Fernseher und stellte ihn in meinem Zimmer auf. Dann machten es sich die beiden auf MEINEM Sofa gemütlich und schalteten den WDR ein, um dort den Kölner Rosenmontagszug anzuschauen. Als es los ging, sagte Horst. „Katz, luhr ens, dä Zoch kütt“.

Am Dienstag war wieder alles normal. Nur ein paar Gemeindearbeiter, die mit Straßenkehrmaschine und Besen den Dorfplatz reinigten, erinnerten noch an den Ausnahmezustand der Vortage.

Und Ihr habt Ihr auch so eine verrückte Woche hinter Euch? Lasst es mich wissen, wenn Ihr mögt, Eure Monni.

Walter

Nebel, Nebel, Nebel. Das Dorf ist in dicke, weisse Watte gepackt. Feuchte Watte. Brrrrr. Heute Morgen gab’s Hühnchen in Soße. Das mag ich normalerweise gerne. Heute hat es mir nicht geschmeckt. Ich habe trotzdem alles aufgegessen. Aus lauter Langeweile. Und um Walter nicht zu irritieren. Sonst krieg ich nachher wieder Rind. Und das mag ich wirklich nicht.

Walter ist mein Versorger. Er hat kanadische Wurzeln, mag Blockhäuser und heißt eigentlich Ken. Im Dorf nennen ihn alle Walter. Wegen der T-Shirts aus seiner Zeit bei Walter Solutions. Davon hat er viele. Er trägt sie fast täglich. Vor ein paar Jahren gewann Walter im Lotto. Er wurde Privatier und baute sich ein paar Straßen weiter eine Villa im Blockhaus-Stil. Seine Frau Susi nimmt im Sommer gerne ein Bad im beheizten Pool. Das Baumhaus seiner Söhne Max und Moritz ist ausgestattet mit Solarheizung und Flachbildschirm. Das alte Haus, mein Haus, hat Walter behalten. Hier hat er ein Büro eingerichtet, das er dazu nutzt, um sein Vermögen zu verwalten. Die obere Etage wird hin und wieder als Ferienwohnung vermietet.

Walter hat mal versucht, mich in die Blockhausvilla umzusiedeln. Er hatte sich sehr Mühe gegeben. Unter der Treppe im Foyer hatte er auf einer antiken Kommode einen kuscheligen Schlafplatz für mich eingerichtet. Zu Fressen bekam ich aus einer flachen Porzellanschale mit goldenem Rand. An der Haustür aus massiver Eiche hat er eine Katzenklappe installieren lassen. Ich durfte auch auf der Sitzlandschaft im Wohnzimmer lümmeln. Aber nach ein paar Tagen bin ich wieder zurück in mein eigenes Haus. Die Nächte in dem mit Dreifachverglasung ausgestatteten Wohnpalast sind unangenehm still. Ich mag es, wenn der Wind durch die Ritzen pfeift und mich der prasselnde Regen in den Schlaf lullt. Es gibt nichts Schöneres, als in einem Haus mit knarrender Balkendecke an einem Sommermorgen vom Duft frisch geschnittenen Grases geweckt zu werden.

Manchmal fällt mir hier die Decke auf den Kopf. Dann statte ich Walter und seiner Familie in ihrer Edelhütte einen Besuch ab. Ich glaube, ich gehe gleich noch rüber.

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Und? Was macht Ihr so, wenn Euch die Decke auf den Kopf fällt? Geht Ihr raus in die Natur? Oder unter Menschen? Oder einfach wieder zurück aufs Sofa oder ins Bett? Lasst es mich wissen, wenn Ihr mögt. Bis dahin eine gute Zeit, Eure Monni.