Karthäuser

Herbst

Letzte Woche, ich saß mit Karthäuser unter dem Lorbeerbusch hinter meinem Haus, kam Walter, mein Versorger, rammte eine Grabgabel in die Erde des Blumenbeets in unmittelbarer Nähe unseres Unterschlupfs, stellte einen großen Weidenkorb am Rande der Beetbegrenzung ab und ließ seinen Blick über die Zierpflanzenrabatte schweifen.

„Ah Mietzilein! Und wer ist das da neben Dir? Aha, der Graue, hoher Besuch, was? Seid Ihr am Mausen? Man kann Euch ja kaum erkennen bei dem Nebel“, sagte er, nachdem er uns entdeckt hatte, fummelte eine Gartenschere aus den Eingeweiden seines Blaumanns hervor, seufzte: „Pfffff, dann wollen wir mal, was?“ und machte sich daran, die vom ersten Nachtfrost dahin gerafften Dahlienstängel fünf Pfoten breit über der Erde zu kappen.

„Schaut Euch das an,

 

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so ein Jammer,

 

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gestern noch in voller Blüte

 

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und heute – ?

 

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Jetzt isser da,

 

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der Herbst,

 

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was?“, erklärte er und entledigte Dahlienpflanze um Dahlienpflanze ihrer dicht mit Blüten besetzten Triebe, die durch die Minustemperaturen eine Vanitas versinnbildlichende Optik erhalten hatten.

„Ach ja“, stöhnte Walter, als er den Haufen mit Schnittgut auf den Kompost warf. Dann machte er sich daran, die unterirdischen Teile der Dahlienpflanzen auszugraben, setzte sie Knolle um Knolle vorsichtig in den mitgebrachten Weidenkorb, raunte: „So, jetzt geht’s in den warmen Keller. In eine Kiste mit Sand“ und verschwand Richtung Haus im Nebel.

Während ich mir ausmalte, wie komfortabel es sein wird, demnächst bei Schietwetter wieder inhäusig mein Geschäft zu verrichten,

 

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erhob Karthäuser neben mir erst sich, dann seine Stimme und kommentierte frei nach Dieter Hildebrandt das eben geschehene Schauspiel mit den Worten: „Und wenn Du meinst, dass du bald sterbst, ist Herbst.“ Dann verschwand er ebenfalls im Nebel.

Ja, jetzt ist er also vorbei, dieser doch noch grandios gewordene Sommer. Ich hoffe, weltbeste Blogleserinnen und Blogleser, Ihr habt genug Sonne getankt. Schön, dass es Euch noch gibt und Ihr hier vorbei schaut.

Ich wünsche Euch eine prima Woche. Eure Monni

Wo geht’s denn hier nach Helgoland?

Es ist schon eine Weile her, da saß ich auf der Wiese hinter meinem Haus, als von oben krächzende Laute an mein Ohr drangen:

„ Hey, Katze, wo geht’s hier nach Helgoland?“, wurde ich gefragt.

Ich blickte nach oben und sah einen Vogel von einer Art, die ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte:

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„Tschuldigung, ich hab mich verflogen, ich will nach Helgoland“, erläuterte das Federvieh seine Situation.

„Helgoland? Was willst Du denn da?“, wollte ich wissen.

„Fischen“,

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kreischte der Vogel.

„Fischen kannst Du auch hier. Es gibt einen tollen See ganz in der Nähe“, erklärte ich.

„Ja, aber ich kann den Süßwasserfraß nicht mehr sehen. Mir ist mal wieder nach was Herzhaftem“, insistierte der Weißgefiederte.

Leider kannte ich den Weg nach Helgoland nicht und wollte dem Vogel schon sagen, dass ich ihm nicht helfen könne, da kam Karthäuser des Weges.

„Ähm, also“, guck in die Luft, „hmmm…“, räusper, „ähhh…“, Nase hochzieh, „also…“, hob er an, auf meine Frage, ob er wisse, wie man nach Helgoland komme, zu antworten.

Während Karthäuser um Worte für die perfekte Antwort rang, zog der Vogel seine Kreise über unseren Köpfen.

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Dann wurde es ihm zu blöd, er landete, ließ sich neben uns nieder

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und meckerte:

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„Also, was ist jetzt?“

„Keine Ahnung“, platzte es mit einem Mal aus Karthäuser heraus.

„Schietkram, dammi noch ens, dat is kein Speck na mien Beck, die soll de Kuckkuck halen…“, zeterte der Vogel los.

Karthäuser und ich verstanden kaum ein Wort, doch am Grad der Entrüstung erkannten wir, dass der außer sich Geratene nicht gerade eine Liebeserklärung machte. Mitten hinein in das Gekrächze kreischte plötzlich eine zweite Stimme über unseren Köpfen:

„He, Du da unten“.

Wir blickten nach oben und sahen noch einen Vogel von einer Art, die ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte:

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„Ich bin auf dem Weg nach Helgoland. Mir ist ganz dröhnig vom allein Fliegen. Kommst Du mit?“, fragte der Krummschnabel seinen Artgenossen.

Ohne zu zögern erhob selbiger sich flatternd in die Lüfte,

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warf uns noch ein trockenes „Moin“ zu und die beiden flogen davon.

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„Tschüss“, maunzte Karthäuser, „guten Flug“, rief ich den beiden noch hinterher, doch ich glaube, sie konnten uns nicht mehr hören, denn sie hatten es sehr eilig und waren schon in Kürze am nördlichen Horizont verschwunden.

Eine gute Woche wünsche ich Euch, Leckerst un Best, Eure Monni

Werbst

Das war ein großartiger Sommer. Was haben wir die Tage verlümmelt. Und die Nächte. Ich hoffe, auch Ihr hattet eine schöne Zeit. Jetzt ist Herbst. Oder besser Werbst? Es soll ja Gegenden geben, wo es schon geschneit hat. Auf jeden Fall hat der Wind die Blätter von den Bäumen gefegt,

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Bio-Kalle’s Kühe stehen im Stall

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Kuhunterhaltung

und was den Nebel anbelangt, dazu hat Karthäuser

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ein paar Zeilen verfasst:

Nebel

Nicht der allerkleinste Spalt bleibt unerreicht
wenn er um sich greift
in jeden Winkel schleicht
buh

Kein buntes Kleid in Wald und Feld erhellt die Welt
wenn er alles Sein dumpf umfangen hält
uh

Der hat kein Gesicht
kein Laut verrät ihn wenn er nass und kalt kommt
und grau dein Heim umkrallt
huh

Apropos Gruseln: Für Freunde von Schauergeschichten im Comic-Outfit nachträglich zu Halloween noch ein Tipp: „Die Proteinriegelverschwörung“, ein Gemeinschafts-Halloween-Comic, von 20 tollen Zeichnern ins Bild gesetzt, nach einer Geschichte von teamo comics.

Eine prima Woche wünsche ich Euch. Macht was Schönes, Eure Monni

Karthäuser dichtet

Neulich traf ich Karthäuser auf der Wiese oberhalb von meinem Haus. Wir legten uns ins Gras und ließen uns die Sonne auf den Pelz scheinen. Plötzlich erhob Karthäuser sich und sagte: „Ähm, also“, räusper, „ein“, guck in die Luft, „ähm“, räusper, räusper, „also, ähm, Gedicht“. Dann legte er los:

Oben ist’s blau, unten ist’s grün,

dazwischen sind wir, Blumen blühn.

Wir strecken die Glieder, wir lümmeln im Gras,

ein laues Lüftlein flüstert uns was.

Spatengesteche, Schnittgrasgereche,

Motorengeheule im fernen Gestrüpp,

hier macht es schnipp, da macht es schnapp,

wir liegen und lauschen, verbummeln den Tag.


Oben ist’s dunkel, unten ist’s licht,

Mondschein verfängt sich im Astgeflecht,

fahle Gestalten huschen vorbei,

ein Hase, ein Igel, ein Fuchs oder zwei.

Lauern auf Mauern, im Blätterwerk kauern,

ein Rascheln erhaschen im dichten Gebüsch.

Auf samtenen Pfoten gehen wir sacht,

wir spitzen die Ohren, erstromern* die Nacht.

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Ich war überrascht, von den dichterischen Ambitionen Karthäusers, mehr noch von der Tatsache, dass er den poetischen Erguss ohne eine einzige Unterbrechung, ohne Räuspern, ohne ein einziges ‚ähm’ oder ‚also’ von sich gegeben hatte. Ich rieb zum Ausdruck meines Überwältigtseins meine Schnauze an der seinen. Wir legten uns wieder hin und dösten noch ein bisschen in den Tag hinein.

* Vielen Dank Maren für das schöne Wort

Die Rettung

Ich habe Euch ja letzte Woche von einem Loch erzählt, in das Hund, Arnold und ich gefallen, beziehungsweise gerutscht waren. Heute erfahrt ihr, wie wir da wieder raus gekommen sind.

Nachdem ich unten im Loch angekommen war, die Landung war glücklicherweise halbwegs weich, ich fand mich auf einem Haufen halb vergammelter Kartoffeln wieder, machten Arnold, Hund und ich eine kurze Lagebesprechung. Arnold: „Stockfinster hier, was?“ Ich: „Ja, ich kann die Pfote nicht vor Augen sehen“. Hund: „ Nun sitzen wir also in einem Loch und starren Löcher hinein“. Arnold: „Müssen wir jetzt Hungers sterben?“ Hund: „Nein, vorerst nicht. Wir haben ja noch die Kartoffeln.“ Ich: „Igitt“. Arnold: „Essen? Wiewowas?“ Hund: „Hier, Kartoffeln, Du sitzt drauf“. Ich:“ Aber Hund, Du als Omnivore hast leicht reden. Wir Spitzohren sind doch Carnivoren“. Während Arnold in eine Kartoffel biss und fröhlich vor sich hinschmatzte, entspann sich zwischen Hund und mir ein Diskurs über vegane Kost, Vegetarismus, die Wertigkeit von Eiweißen… Dann vernahmen wir von oben ein Poltern, darauf die Stimme von Kumpel: „Achtung, Obacht, ich komme. Alle für einen, einer für alle“. Kaum war das letzte Wort verhallt, purzelte Kumpel auch schon vor unsere Pfoten. Er erhob sich, vergewisserte sich, dass wir alle wohlauf waren und erzählte uns von der rettenden Idee von Karthäuser.

Vor vielen Jahren, er war damals noch ganz klein, war Karthäuser an Fastnacht von ein paar als Piraten verkleideten Spaßvögeln in eine Plastikwanne gesetzt und den Dorfbach hinab geschickt worden.

Katze-faehrt-Boot-Illustration-CartoonDer Dorfbach fließt direkt an Bio-Kalles Hof vorbei. Auf Höhe der Scheune mündet er in einen Tunnel und wird von da unterirdisch an Bio-Kalles Ökonomietrakt und unter der Hauptstraße durchgeleitet. Kurz, nachdem er in den Tunnel eingefahren war, hatte Karthäuser damals linker Pfote eine Tür bemerkt. Es bestehe eine große Wahrscheinlichkeit, dass diese Tür zu dem Kellerraum führe, in dem sie jetzt säßen. Diese Tür müsse nur gefunden und von Hund, dem Türöffungs-Künstler, geöffnet werden, dann wären sie schon so gut wie in Freiheit. „Toll, und wie sollen wir die Tür finden. Ist doch stockdunkel hier. Kein Pfitzel Licht. Da machen selbst unsere Stäbchen-Rezeptoren schlapp“, sagte Hund. „Karthäuser meinte, für Deine Spürnase, sei es ein Leichtes, die Tür zu finden. Du sollst dem Geruch von Wasser folgen“, entgegnete Kumpel. „Ach so, Wasser, klar, denke schon die ganze Zeit, dass es hier verdammt nass riecht“.

Um uns in der Dunkelheit nicht zu verlieren, bildeten wir eine Kette. Vorneweg Hund. Hintendrein wir Spitzohren. Mit den Zähnen hielten wir uns jeweils am Schwanz des vor uns Gehenden fest. Dann legte Hund los, schnüffelte, was das Zeug hielt und lief zielstrebig in eine Richtung. „So, hier ist Ende. Mauer links, Mauer rechts, dazwischen Holz, das muss die Tür sein“, sagte Hund, sprang hoch, pfotelte nach der Falle, fand sie und, Sesam open you, die Tür sprang auf. Vor uns der vorbei fließende Dorfbach, von rechts schimmerte Licht in den Tunnel. Arnold stürmte direkt drauf los und hielt eine Pfote ins Wasser.

Hund-und-Katzen-in-Tunnel-Illustration-Cartoon„Oh, kakakakalt“, rief Arnold entsetzt. „Ja, kalt und nass“, sagte Kumpel. „Eine für Katzen inakzeptable Nässe, hier kommen wir niemals wieder weg“, stellte ich fest. „Iwo“, sagte Hund, „ihr setzt Euch einfach auf mich drauf, mir macht das Wasser nichts“.

Gesagt, getan. Hund legte sich hin, wir drei Wasserscheuen kletterten auf seinen Rücken, Hund stand auf und marschierte los.

Katzen-reiten-auf-Hund-Cartoon-IllustrationDas Plätschern und Gurgeln des Wassers hallte an den Tunnelwänden wider. Arnold hatte großen Spaß am Echoeffekt und unterhielt uns auf unserem Ritt aus der Kartoffelhölle mit einer Aneinanderreihung von Hallos in den verschiedensten Stimmlagen. Am Tunnelausgang erwartete uns schon Karthäuser. Er hatte drei Mäuse und einen Knochen dabei. Zu unserer Stärkung. Was für ein Freund.

Karthaeuser-Maeuse-Knochen-Illustration-CartoonEuch wünsche ich noch eine schöne Woche. Passt auf Euch auf und haltet Euch von schwarzen Löchern fern. Eure Monni

Das Loch

Diese Woche waren wir bei Hund eingeladen. Ich traf ihn auf der großen Wiese oberhalb von meinem Haus. Er sagte zu mir: „Komm morgen vorbei. Es gibt eine Überraschung. Und bring die anderen mit.“ Dann ertönte ein kurzer, schriller Pfiff und Hund war weg.

Tags darauf versammelten wir (Kumpel, Karthäuser, Arnold und ich) uns in der Scheune von Bio-Kalle. Hund kam, setzte sich vor uns hin und verkündete stolz: „Ich war bei meinem ersten Agility-Turnier und habe den zweiten Platz gemacht!“ Wir miauten einträchtig Beifall. Dann erläuterte uns Hund den Parcours: „Also, ich musste zunächst über ein paar Hürden springen“. Hund machte einige Luftsprünge. „Dann ging es über einen Laufsteg“. Hund tänzelte über ein am Boden liegendes Brett. „Dann kamen zwei weitere Hürden“. Hund hüpfte wieder durch die Luft. „Dann musste ich durch einen Tunnel“. Hund robbte vor uns auf dem Boden. „Wieder eine Hürde“, Luftsprung, „dann die Wippe“. Hund zerrte das am Boden liegende Brett mit den Zähnen über eine Holzkiste und demonstrierte die Wippe. „Dann wieder zwei Hürden“, Luftsprung, „noch ein Tunnel“, robbrobb, „und ganz zum Schluss noch eine Hürde“. Hund setzt an zu einem besonders hohen Sprung,

Katzen-schauen-Hund-zu-Illustration-Cartoonstieg auf in die Luft, erreichte den Scheitelpunkt der Flugahn, leitete mit den Vorderläufen voraus den Landevorgang ein, tauchte mit den Pfoten ein ins Heu, es folgten Kopf und Korpus, dann der Schwanz, dann war Hund weg.

Wir schauten uns erst verdutzt an und begaben uns dann, Arnold vorneweg, an die Stelle, wo Hund gerade im Heu verschwunden war. Was wir dort vorfanden, war ein Loch. Von diesem Loch aus führte eine Rutschen-artige Konstruktion hinab in die Tiefe. Um den Rand des Loches versammelt streckten wir die Köpfe in das schwarze Nichts unter uns.

Katzen-Loch-Illustration-Cartoon Ein modriges Lüftlein wehte uns entgegen. Wir riefen nach Hund. Keine Antwort. Wir riefen noch einmal, jetzt lauter. Da vernahmen wir aus der Tiefe ein klägliches Jaulen. Arnold, der sich am weitesten vorwagte und mit der vorderen Körperhälfte schon halb im Loch hing, rief nun so laut er konnte: „Huuuhund, kannst Du uns hören? Jaulen. Er wagte sich noch ein bisschen weiter vor, rief wieder „Huuuhund“, dann verloren seine Hinterläufe den Halt und er rutschte in die Tiefe. Ich, die ich mit einer reflexartigen Bewegung versuchte, ihn festzuhalten, verlor das Gleichgewicht und rutschte hinterher. Während ich so rutschte vernahm ich von oben die Stimmen von Kumpel und Karthäuser. Kumpel: „Herrje, jetzt ist die auch noch weg. Was machen wir jetzt bloß?“ Karthäuser: „Ich, also ähhm“, räusper, räusper, „habe, ähhhm, also eine, hmmm…“ Karthäusers Stimme wurde leiser und leiser. Das letzte Wort, das ich verstand, war ‚Idee’. Dann wurde es stockdunkel.

Wo Arnold, Hund und ich gelandet waren und vor allem wie wir da wieder raus kamen ist eine längere Geschichte. Ich werde sie Euch nächsten Freitag erzählen. Bis dahin: Haltet die Ohren steif. Eure Monni

Snow Adé in St. Tropez

Eine schlimme Woche liegt hinter uns, eine Woche zwischen Bangen und Hoffen.

Wir, Kumpel, Karthäuser, Hund und ich hatten uns ja letzten Freitagabend vor Snows Zuhause verabredet, um ins Haus einzudringen, in der Hoffnung, dort Snow oder einen Hinweis auf ihren Verbleib zu finden. Kumpel und ich waren pünktlich zu Beginn der Dämmerung vor Ort. Karthäuser kam mit Verspätung, Hund gar nicht. Wie sich später heraus stellte hatte er wegen seiner Absenz am Vortag („wo bist Du bloß den ganzen Tag herum gestreunert?“) Stubenarrest. Wir machten uns also zu dritt daran, das Haus nach einer versteckten Katzenklappe, einem nicht richtig geschlossenen Fenster, einem Loch in der Kellertür… abzusuchen. Wir umrundeten das Gebäude samt Satellitenbauten mehrfach, hüpften auf jede zugängliche Fensterbank, lehnten uns mit dem Gewicht unserer drei Körper gegen alle Fenster, mit dem Ziel, eines aufzustoßen.

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Vergebens. Alles blieb verriegelt und verrammelt. Und alles blieb dunkel. Das Haus sah irgendwie verlassen aus. Unverrichteter Dinge zogen wir wieder ab. War Snow mit Frauchen vielleicht nur in Urlaub gefahren, ohne uns Bescheid zu sagen? Die folgenden Tage und Nächte patrouillierten Kumpel und ich immer wieder ums Haus, in der Hoffnung auf ein Lebenszeichen. Aber alles blieb still.

Zwischenzeitlich erreichten uns Meldungen, die unsere Herzen Achterbahn fahren ließen. Ein Hase kam und meinte, er habe eine tote, weiße Katze in einem Straßengraben am Rande des Dorfes gesehen. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um das Überbleibsel eines Narren, beziehungsweise dessen Verkleidung handelte: eine Mütze aus weißem Kunstfell mit angenähten Ohren. Meiers Lumpi berichtete von einer Katze mit verwaschenem, weißem Fell und blauen Augen, die bewegungslos vor Müllers Haustüre verharre. Es stellte sich heraus, dass die Bewegungslosigkeit von der tönernen Materialität der Dekomietze herrührte. So vergingen die Tage ohne nennenswerte Neuigkeiten in Sachen Snow.

Gerstern Nacht schafften wir es endlich doch, in Snows Haus zu gelangen. Mit Hilfe von Hund. Der war durch die versehentlich nicht abgeschlossene Haustüre zu Hause ausgebüchst und unternahm einen Nachtspaziergang. Kumpel und ich trafen ihn zufällig auf dem Weg zu Snow. Er begleitete uns und checkte sofort nach Eintreffen am Objekt, das wir unter Observation genommen hatten, sämtliche Türen. Haustür, Terrassentür, Garagentür: alle abgeschlossen. Dann die Kellertür: Hund sprang hoch, drückte mit der Pfote auf die Klinke und Sesam open you: die Tür sprang auf.

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Was für eine Freude. Wir betraten den Keller und gelangten über eine Treppe ins Erdgeschoss, wo Hund noch eine Tür öffnete. Dann waren wir im Flur. Mit Hunds Hilfe, der jetzt ganz im Türöffnermodus war, inspizierten wir jeden Raum. Doch von Snow keine Spur. Nur kühle Luft wehte und entgegen. Es roch nach Leerstand. Als wir wieder im Flur waren, fiel mein Blick auf einen Zettel auf dem Boden unter dem Schlüsselbrett.

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Ich las laut vor: „Liebe Lena, Bettzeug wie vereinbart in der Truhe. Raklettegeschirr: Keller. Der Aufenthalt hier war wunderbar. Vielen Dank für alles. Viele liebe Grüße auch von Snow :). P.S.: Besuch uns doch mal in St Tropez, mit Edgar. Oder, wenn der nicht kann: mit Deinem roten Teufelchen. Snow vermisst ihn bestimmt :).

Das klang einigermaßen endgültig. Vorerst zumindest. Kumpel stammelte: „Lena, Edgar, meine beiden… also, das müssen die sein… rotes Teufelchen… ich? Snow vermisst Teufelchen… also mich…!!! Dann brach er in Tränen aus. Halb aus Freude, halb vor Schmerz.

Die Sache ist zum Glück gut ausgegangen. Halbwegs. Snow ist wohl auf, allerdings in St. Tropez. Nicht gerade um die Ecke. Kumpel schmachtet jetzt im Liebeskummer, hofft aber auf Reisepläne seines Frauchens. Mit ohne Herrchen. Er überlegt, sich Hörner wachsen zu lassen, um Frauchen an die Reise nach St. Tropez zu erinnern. Zusammen mit ihm, dem roten Teufelchen.

Mit Snow im Heu

Kumpel hat mich mit Snow bekannt gemacht. Wir trafen uns in der Scheune von Bio-Kalle. Snow wollte unbedingt wissen, was Heu ist, denn da, wo sie vorher war, gibt es keines. „Schön, dieses Heu, so weich, es liegt sich ganz vortrefflich darin. Snow räkelte sich im getrockneten Grün und wühlte mit der Pfote in den Halmen.

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Sie blickte sich in der Scheune um. Alles voll mit Heu. Heu, Heu, Heu, soweit das Auge reichte. „Hier müssen viele Katzen wohnen. Bei so einem riesigen Katzenbett.“ „Das Heu ist für die Kühe“, erklärte Kumpel. „Die fressen das“. „Was ist Kühe?“ fragte Snow. „Du hast noch nie Kühe gesehen?“, staunte ich. „Und Schafe? Schweine? Ziegen? Pferde?“. Snow zuckte bei der Nennung eines jeden Huftieres mit den Schultern. „Dann lasst uns Kühe kucken“, sagte Kumpel. Durch ein loses Brett in der Holztüre, die die Scheue mit dem angrenzenden Wirtschaftsteil verbindet, gelangten wir in den Stall. Der mittig angelegte Gang war beidseits gesäumt von mit Heu gefüllten Gittertrögen. Dahinter aufgereiht, wie an einer Perlenkette, standen sie, die Bio-Kühe von Kalle, dampfend und Heu mampfend.

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Snow studierte staunenden Blickes die Physiognomie der gleichmütig aus der Wäsche schauenden Tiere. Dann stutzte sie: „Was sind denn das für Zipfel am Bauch?“

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„Das ist die Zapfanlage für Milch“, sagte Kumpel. „Komm, wir gehen zur Milchküche, da stellt der Bauer seinem Hund immer eine Schale mit frisch gezapfter Milch hin, vielleicht ist noch was da“.

Schon als wir uns der Milchküche näherten vernahmen wir Schmatzgeräusche. Wir betraten den Raum. Vor der Schale mit frischer Milch saß Karthäuser, der sich genüsslich über das weiße Nass hermachte. „Hey, Karthäuser, lass uns was übrig“, rief Kumpel. Karthäuser hielt inne, hob in Zeitlupentempo den Kopf und aus seiner von einem Milchbart gezierten Schnauze purzelten die Worte: „Ähhhm, also, hmm“, Pause, „jaaaa“, guck in die Luft, „hmmmm,“ räusper, „halloooo“. Dann erhob er sich gemächlich, trat einen Schritt zurück, setzte sich auf die Hinterbeine, machte ein Bäuerchen, begann mit den Vorderläufen den Schnauz zu waschen und bedeutete uns mit einem Kopfnicken die Freigabe der noch zur Hälfte mit Milch gefüllten Schale. Snow kostete. Erst vorsichtig, dann mit Begeisterung, dann begierig. Als sie satt war, machte auch sie ein Bäuerchen. Kumpel und ich machten uns über die restliche Direktmilch her.

Mit wohlig gefüllten Bäuchen beschlossen wir, in die Scheune zurück zu gehen und es uns dort im Heu gemütlich zu machen. Wir luden auch Karthäuser dazu ein. „Ähhhm, also, hmmmm“, Pause, „jaaa“, guck in die Luft, „hmmmm…“, hob Karthäuser an, sich die Einladung durch den Kopf gehen zu lassen.

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Wir sagten ihm, dass wir schon mal voraus gingen und dass er ja gegebenenfalls nachkommen könne, wenn er eine Entscheidung getroffen habe.
In einem besonders luftigen Heuhaufen nahmen wir Platz, begannen, uns zu waschen und zu plaudern. Snow erzählte von ihrer Heimat. Davon, dass es dort sehr viel Wasser gebe, dass das viele Wasser Meer heiße, sie beschrieb die Tiere, die im Meer wohnen: die Fische, die Seeigel, die Seesterne, die Muscheln, die Quallen… sie erzähle vom Hafen, vom Fischmarkt, von der würzigen Meeresluft, von wundersam duftenden Kräutern, von Gestrüpp-artigen Wäldern, von steilen Klippen, lilafarbenen Lavendelfeldern und vom leuchtenden Grün des auf weitläufigen Flächen angepflanzten Weins. „In, ähhhm, also, hmmm“, räusper, „vino“, Nase hochzieh, „ähhhhm“, guck in die Luft, „veritas“, gab Karthäuser, der nun auch zu uns gefunden hatte, zum Besten.

Kaum hatte Karthäuser seine Sentenz beendet, vernahmen wir an der Tür zum Stall ein Rascheln, die Tür wurde aufgestoßen und herein kam der Hund von Bio-Kalle. Er sah sich um, entdeckte uns, seine Augen weiteten sich, er setzte zum Sprung an, dann, im letzten Moment, nahm er Karthäuser wahr. Der hatte sich erhoben und blickte mit der Präsenz seiner stattlichen Leiblichkeit dem Hund direkt in die Augen. „Au Backe, der Philosoph“, hörten wir den Hund murmeln. Mit eingezogenem Schwanz machte er kehrt und verließ umgehend die Scheune.

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Wir waren beeindruckt. Kumpel gab, um seiner Erleichterung Ausdruck zu verleihen, Karthäuser einen Knuff, ich rieb meine Schnauze an Karthäusers rechten Backe, Snow die ihre an seiner linken.

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Dann machten wir alle ein Nickerchen. Als ich aufwachte, waren die anderen schon weg. Ich holte mir noch eine Biomaus und machte mich dann ebenfalls auf den Heimweg.

Und Ihr? Habt Ihr auch schon mal im Heu gelümmelt? Lasst es mich wissen, wenn Ihr mögt. Eure Monni.

Kumpel macht Wellness

Gestern waren wir an der Wassertretstelle. Kumpel hatte gehört, wie erfrischend es sein soll, im Wasser zu waten und wollte das unbedingt selbst ausprobieren. Wir kannten den Weg dorthin nicht und marschierten einfach drauflos. Kumpel war sehr ungeduldig, hüpfte um mich rum und fragte immer wieder, wann wir endlich da seien. Ich hielt angestrengt Ausschau nach einem Wegweiser. Dann kamen wir an einem Haus vorbei, in dessen Vorgarten eine Bank stand. Darauf saß ein beleibter Karthäuser.

Karthaeuser-01Den fragte ich nach dem Weg. „Guten Tag, mein Name ist Miss Monroe, für Persönlichkeiten mit Charakter oder Manieren: Monni. Weißt Du, wie wir zur Wassertretstelle kommen?“„Ähm, also, jaaa“, räusper, hüstel. „Aaalso“, hüstel, Pause. Räusper. „Da geht Ihr am besten“, hüstel, hüstel, „aalso, äähhhm“, kratzen am Kopf, „das Einfachste wäre“, Pause. „Wäre“, Nase hochzieh, „hmmmmm“, guck in die Luft, „oder nein, vielleicht doch eher…“

Während das graue Schwergewicht unter Aneinanderreihung von Inhaltlosem um Worte für die perfekte Wegbeschreibung rang, machte Kumpel drei Purzelbäume, einen Pfotenstand, zwei Liegestützen, einen Kopfstand, vier Sit-ups und einen Salto rückwärts.

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Ich scannte derweil die Straße weiter nach einem Wegweiser ab. Und fand auch endlich einen. Ich bedankte mich freundlich beim Grauen, der gerade ein besonders lang gezogenes ‚Ähm’ von sich gab, fürs Gespräch und wir zogen weiter, dem Schild ‚zur Wassertretstelle’ folgend, dorfauswärts, Richtung Süden. Nachdem wir das Dorf hinter uns gelassen hatten, ging es über einen Feldweg, vorbei an einer Straußenfarm und über einen schmalen Pfad, der eine Obstbaumplantage säumte, zum Waldrand.

Dann waren wir endlich da, an der ‚Kneipp-Anlage. Zutritt für Kinder unter 12 Jahren nur in Begleitung eines Erziehungsberechtigten. Hunde verboten. Mit freundlicher Unterstützung der Freizeitgruppe Wälderperle’. Zu unseren Pfoten befand sich ein in die Erde eingelassenes längliches Wasserbecken. Ohne Wasser. Dieses hatte man wegen Frostgefahr bereits abgelassen. Statt dessen war das Becken halb hoch gefüllt mit Laub. Entlang der Mittelachse des Bassins befand sich ein stählerner Handlauf, drei Stufen an einem der kurzen Enden des Beckens führten hinab zu den dem Verrottungsprozess anheim gegebenen Blattmassen.

Ohne lange zu fackeln positionierte sich Kumpel am Beckenrand, sprang mit einem Riesensatz hinein ins Blätterbad – sein Körper verschwand bis zu den Schultern im Laub, nur Kopf, Rücken und Schwanz schauten noch heraus –  und begann, unter heftigem Geraschel das Stahlgeländer zu umrunden. Als er fast rum war, trat eine Schrumpffamilie hinter dem Gebüsch, das die Wassertretstelle vom Parkplatz trennte, hervor. Die Mutter rief entsetzt: „Was ist denn das?“ Der Halbwüchsige kreischte: „Iiii, eine Ratte“. Das Kleinkind im Kinderwagen begann zu schreien. Kumpel kletterte über die Stufen aus dem Becken, schüttelte sich, lief los und rief mir im Galopp zu: „Komm, schnell nach Hause, ich hab mächtig Kohldampf“. Daheim verdrückte er eine Portion Huhn, eine Portion Rind, eine Portion Lamm und eine halbe Portion Trockenfutter.

Und Ihr? Habt Ihr auch schon einmal gekneippt? Was haltet Ihr von Wellness im Allgemeinen? Und von Wassertretstellen im Besonderen? Lasst es mich wissen, wenn Ihr mögt. Bis dahin eine gute Zeit, Eure Monni.