Horst

Kummerhorst

 

Letzten Samstag kam Besuch: Horst.

Horst

Walter, mein Versorger bat seien Freund herein. Sie kamen in mein Zimmer und setzten sich neben mich auf mein Sofa. Horst ging es nicht gut und er klagte Walter sein Leid: Er wisse auch nicht, was mit ihm los sei, ihm sei so…

Alle: Kinder, Frau, Chef, Finanzamt, würden was von ihm wollen. Er fühle sich so zerrissen.

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Es sei zum Mäuse melken, manchmal wisse er nicht, wo ihm der Kopf stehe.

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Dann würde er sich am liebsten in Luft auflösen.

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„Eieieieiei“, sagte Walter und strich über mein Fell. „Das ist ja, …, hmmm…“ Dann schlug er Horst vor, einen Waldspaziergang zu machen. Bewegung, frische Luft, der Anblick der Natur, das befreie.

„Bisse jeck?“, entgegnete Horst und strich ebenfalls über mein Fell. Eine ganze Weile lang. Dann tätschelte er meinen Kopf und raunte: „Lommer jonn“. Die beiden erhoben sich, verließen mein Zimmer und schließlich das Haus.

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, döste ich noch eine Weile vor mich hin. Dann schlief ich ein und hatte einen wunderbaren Traum.

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Eine schöne Woche wünsche ich Euch, Eure Monni

P.S.: Horst, wer ist das jetzt schon wieder? wird sich jetzt vielleicht der eine oder die andere von Euch fragen. Wer mehr zu ihm erfahren will, kann in der Leiste rechts unter „Kategorien“ auf „Horst“ klicken.

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Von Zwergen, Bären und anderen schrägen Wesen

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Eine verrückte Woche liegt hinter mir. Schon am letzten Donnerstag ging es los. Bereits früh morgens hielt ein Bus mit der Aufschrift „Narren auf Tour“ auf dem Dorfplatz. Dem Gefährt entstieg eine Horde Wildgewordener im Schlafmützengewand. Nachdem ihnen vom örtlichen Landfrauenverein eine Gulaschsuppe kredenzt worden war, zogen sie durchs Dorf. Sie schlugen mit Suppenkellen und Kochlöffeln auf Töpfe und Bratpfannen ein und skandierten, vor jedem Haus Halt machend, in atonaler Eintracht, wüste Schlacht- und traditionelle Bettelgesänge.

Illustration Geltentrommler

Irgendwann waren sie schräg gegenüber bei Meiers angelangt. Sie brüllten die Losung: „Hoorig, hoorig, hoorig isch diä Chatz, und wenn diä Chatz it hoorig isch, dänn fangt sie kaini Müüs“, die Tür öffnete sich, heraus kamen Frau Meier mit einem Sack voller Süßigkeiten und Herr Meier mit einer Flasche Schnaps und einem Tablett Gläser. Die Süßigkeiten wurden in einen mitgeführten Leiterwagen, der Schnaps auf die schon heiseren Kehlen geschüttet. Dann zogen sie weiter.

Am Nachmittag kam eine Gruppe phantastisch kostümierter Frauen an meinem Fenster vorbei. Mit dabei war Susi, als Harald Glööckler verkleidet. Einige der Frauen fuchtelten schrill lachend mit Scheren in der Luft herum.

Am nächsten Morgen, ich war gerade dabei, die Freitagsgeschichte zu posten, machte sich ein Bär mit gekappter Krawatte torkelnd an meinem Fenster zu schaffen. Mit dem abgeschnittenen Teil der Krawatte vollführte er wilde Auf- und Abbewegungen, als wolle er das Fenster putzen oder mir zuwinken.

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Den ganzen Samstag über liefen kleine Cowboys, Indianer, Hexen, Skelette, Prinzessinnen… im Dorf umher, ließen Knallfrösche los, jagten einander mit Besen und Beil die Straße hoch und runter oder machten anderen Unfug. Abends sah ich dann Susi, alias Harald Glööckler, gemeinsam mit dem Bären und ein paar Gartenzwergen zum Ochsen schlendern.

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Dort wurde bis spät in die Nacht eine wilde Party gefeiert. Immer wenn die Tür vom Ochsen geöffnet wurde, schwappte die Geräuschkulisse aus Gelächter, Palaver und lauter Musik raus in die Nacht.

Am Sonntag war es dann sehr ruhig im Dorf.

Am Montag bekam ich Besuch von Walter und Horst. Sie kamen vom Ochsenschwanzsuppe-Essen im Ochsen und waren als Piraten verkleidet. Walter holte aus der Ferienwohnung im Obergeschoss den Fernseher und stellte ihn in meinem Zimmer auf. Dann machten es sich die beiden auf MEINEM Sofa gemütlich und schalteten den WDR ein, um dort den Kölner Rosenmontagszug anzuschauen. Als es los ging, sagte Horst. „Katz, luhr ens, dä Zoch kütt“.

Am Dienstag war wieder alles normal. Nur ein paar Gemeindearbeiter, die mit Straßenkehrmaschine und Besen den Dorfplatz reinigten, erinnerten noch an den Ausnahmezustand der Vortage.

Und Ihr habt Ihr auch so eine verrückte Woche hinter Euch? Lasst es mich wissen, wenn Ihr mögt, Eure Monni.

Mit Horst in Köln

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Ich war mit Horst in Köln. Er stellte mal wieder seine Transportkutsche vor meinem Haus ab. Ich ging sofort hinaus, um mich zu beschweren. Bis ich durch all die Katzenklappen und ums Haus gespurtet war, befand sich draußen schon keiner mehr. Die Tür vom Führerhaus stand offen. Ich kletterte hinein. Sitz, Lenkrad, Armaturenbrett – alles roch streng nach Schweiß, Kaffee und Gebratenem. Hinter den Sitzen trennte ein Vorhang den rückwärtigen Teil des Führerhauses ab. Dort hinten befand sich eine Pritsche mit Matzratze und Wolldecke. Ich machte es mir bequem und schlief ein.

Donnerndes Motorengeräusch riss mich aus dem Schlaf. Horst hatte die Maschine gestartet und fuhr los. Schrecken durchfuhr meine Glieder, eine Schockstarre machte meinen Körper bewegungsunfähig. Ich blieb wie angewurzelt liegen. Mit Getöse kämpfte sich der Vierzehntonner den kurvenreichen Berg hinauf. Wir durchquerten das Nachbardorf, dann ging es auf die Bundesstraße. Jetzt wurde der Motor leiser, brummte in gleichmäßiger Monotonie vor sich hin. Ich lugte durch einen Spalt zwischen Vorhang und Seitenfenster hinaus auf die Landschaft. Wälder, Wiesen, Felder zogen an uns vorbei. Das war sehr ermüdend. Ich schlief wieder ein und sank in einen tiefen, festen Schlaf.

Es mussten Stunden vergangen sein, als ich erneut aufwachte. Horst und sein Radio sangen in kakophonischer Eintracht: „Mer losse den Dom in Kölle, denn do jehört er hin…“ Als sie damit fertig waren, ging ich nach vorne, setzte mich auf den Beifahrersitz und sagte „Miau“. Horst trat vor Schreck auf die Bremse, der LKW kam ein wenig ins Schlingern. Als er und Horst sich wieder gefangen hatten, sagte Horst, abwechselnd sich auf die Fahrbahn konzentrierend und zu mir her glotzend, „Na, wer biss Du denn ? Biss Du nit, na Du biss doch…“. „Guten Tag, mein Name ist Miss Monroe. Für Persönlichkeiten mit Charakter oder Manieren: Monni“, unterbrach ich ihn. „Du bis doch die Katz von dem Walter“, fuhr er fort. „Na, wie komms Du denn hier hin, dat is ja ne Ding“. Dann kratzte er sich am Kinn, griff sich von der Mittelkonsole den Thermobecher mit Kaffee, nahm einen Schluck, stellte den Becher wieder hin, kratzte sich am Kopf und sagte: „Na, jetzt wo de schon mol do biss, fährste halt mit. Mer fahre no Kölle, dat iss die schönste Stadt uff der janzen Welt“. Dann erzählte er vom Dom, dem schönsten sakralen Gebäude der Welt, von Kölsch, dem besten Bier der Welt, vom ‚Rhing’, dem schönsten Fluss der Welt… Als er mit der Ortsbeschreibung fertig war, hatte er ganz glasige Augen. Dann sagte er: „In ere Stung simmer do. Vorher jommer no wat essen, hässe och Hunger, wat?“ Er fuhr seine Pranke aus, streichelte mir über den Kopf, setzte den Blinker und fuhr von der Autobahn ab auf den Rasthof ‚Brohltal’. Bevor er ausstieg, sagte er: „Isch hann Hunger uff ene Frikadell met Äädäppelschlot. Un Du?“ „Ich nehme Mäuseragout mit Sahnesoße“, sagte ich. „Na für Dich hole mer ene Woosch, wat?“ Dan stieg er aus, schlug die Tür zu und verschwand Richtung Rasthof. Eine viertel Stunde später kam er zurück mit zwei Tüten. „Luhr ens, wie dat duftet. Do hann isch uns wat Schönet mitjebracht.“ Zuerst packte er meine Wurst aus und schnitt sie mit dem Klappmesser eines Multifunktionstools, das sich an seinem Schlüsselbund befand, in schnauzengerechte Happen. Dann holte er Messer und Gabel aus dem Handschuhfach und öffnete den Deckel des Einweggeschirrs mit seinem Hackfleischbratling plus Kartoffelsalat. Wir ließen es uns beide schmecken. Dann fuhren wir weiter.

Endlich tauchte die Skyline von Köln vor uns auf. „Luhr ens, dä Dom, un do, dä Colonius.“ Wir umrundeten, immer noch auf der Autobahn, die halbe Stadt, dann fuhren wir ab, vorbei an einem Park, dann ging es über eine Brücke. „Luhr ens, dä Rhing, un do vorne, dä Dom mit dä Hohenzollernbrück“. Wir fuhren von der Brücke ab. „Luhr ens, jetz simmer op dä Schäl Sick. Un do vorne rechts, dat is die Kölnarena“. Wir befanden uns bereits wieder auf einer Autobahn, fuhren auf dieser ein Stück, dann ging es auf eine andere Autobahn und dann auf noch eine andere Autobahn. Dann stockte der Verkehr, dann kam er zum Stillstand. „Driss Stau“, sagte Horst. „Na ejal, mer fahren gleich ab“. Dann kam die Ausfahrt, wo Horst raus wollte, dann ein Schild ‚Ausfahrt gesperrt’. „Driss Baustell. Wat mache mer jetzt?“ Wir fuhren weiter geradeaus. Dann kam eine Brücke, „Luhr ens, dä Rhing“, kurz danach eine Ausfahrt. „Na dann probiere mer dat do“, sagte Horst. Es ging ein Stück den Rhein entlang. Einige historische Gebäude säumten die Straße, dann erschienen rechter Hand drei megalomane, imposante Gebäude. Sie hatten die Form eines auf dem Kopf stehenden L. „Luhr ens, dä Rheinauhafen. Un links, dä Südstadt. Un do vorne, dat Schokomuseum“. Dann ging es zum dritten Mal über eine Brücke. Ich wartete schon auf Horsts obligatorisches „Luhr ens, dä Rhing“, Aber er sagte nur: „Jaja, dä Rhing, dä Rhing“.
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Nach einem halbstündigen Zick-Zack-Kurs durch das Stadtgebiet auf der ‚Schäl Sick’ waren wir endlich am Ziel. Es war schon später Nachmittag. Nachdem die Ladung gelöscht war setzte die Dämmerung ein. Wir fuhren auf den nächsten Rastplatz, wo wir übernachteten. Am nächsten Morgen machten wir uns in aller Frühe auf den Heimweg. Es regnete während der ganzen Fahrt. Kurz bevor wir zu Hause ankamen, ging der Regen in Schnee über. Die Dächer im Dorf waren schon ganz weiß.

Und Ihr? Wart Ihr auch schon einmal in Köln? Lasst es mich wissen, wenn Ihr mögt. Eure Monni.

Horst

Es geschah etwas Unerhörtes. Ich saß auf meiner Fensterbank und genoss nach dem Regen, der letzte Nacht auf unser Dorf niedergegangen war, den Anblick der frisch gewaschenen Welt. In den Pfützen auf der Straße spiegelte sich die aufgerissene Wolkendecke, die Häuserfront gegenüber war von der Morgensonne in rötliches Licht getaucht. Plötzlich schob sich mit Getöse eine blaue Wand vor mein Fenster. Die Aussicht war verstellt, mein Zimmer dunkel. Was war das? Apocalypse now? Sollte die Welt gleich untergehen?

Obwohl ich ein mulmiges Gefühl hatte, ging ich nach draußen, um nachzusehen, was passiert war. Unschlüssig, wie ich dem blauen Ungetüm, würde es zum Äußersten kommen, begegnen sollte, blieb ich, als ich im Freien war, erst mal hinter dem Haus sitzen und wusch mein Fell. Dann hörte ich Stimmen. „Mensch Jung, hörens. Prima, dat ich mingem Dicken für Dingem Hus hinstelle kann. Is ja au nur für’ne paar Stunden. Terminjeschichte Amsterdam, morjen früh. Hück Nacht laden in Frankfurt. Wird immer jecker, dat Transportjeschäft. Dat Läwen is ene Karussel, fahren mer halt mit. Nu nit dä Spaß verderbe losse.“ „Ja, da sagst Du was.“ Das war jetzt die Stimme von Walter. „Schön, Dich mal wieder zu sehen, kommst Du mit rein auf einen Kaffee?“ „Kaffee? Prima! Immer jerne.“ Die Haustür wurde aufgeschlossen. Walter und der andere verschwanden im Haus.

Meine Neugier siegte und ich ging ums Haus, um den ‚Dicken’ aus der Nähe zu betrachten. Es handelte sich um einen riesenriesenriesenriesen-, um einen unsagbar großen LKW. Das Ding war länger, als das Haus und reichte in der Höhe bis an die Fensterbänke der oberen Etage. Auf dem blauen Untergrund des Anhängers prangte in Weiß der Schriftzug ‚Müller-Logistik’. Hinter der Windschutzscheibe war ein Schild angebracht. Darauf stand ‚HORST’. Jetzt erkundete ich die Unterseite des Riesendings. Vom Führerhaus aus spazierte ich einmal der Länge nach bis ans andere Ende. Es roch streng nach Straße. Als ich, hinten angelangt, aus dem Schatten der Karosserie und wieder ins Sonnenlicht trat, kamen gerade Walter und der andere aus dem Haus. „Na, Mieze, da bist Du ja“, sagte Walter. „Da staunst Du, was. Ein ganz schön dicker Brummer, Die Transportkutsche von Horst.“

Horst trug ein kariertes Hemd. Sein mächtiger Bauch zeichnete sich kugelförmig darunter ab. Die stämmigen Beine waren bis zu den Waden bedeckt mit einer Dreiviertel-Hose im Cargo-Stil. Die riesigen Füße steckten sockenlos in knallgelben Sandalen im XXL-Format. Horst beugte sich zu mir herab, strich mir mit seiner Pranke über den Kopf und sagte: „Na, Katz, hörens, Do bess ja ene janz“ – Pause – „außerjewöhnliche“. Dann zupfte er mich erst am linken, schließlich am rechten Ohr.

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Was für ein Unverschämt! Ich sagte nichts und dachte nur: ‚und Du erst, Du mit Deiner Übergröße in allen Belangen’! Dann ging ich hinein, frühstücken. Walter hatte mir eine extra große Portion von meinem Lieblingsessen hingestellt. Das sollte wohl davon ablenken, dass mein wunderbarer Ausblick aus dem Fenster verstellt war. Ich ließ es mir schmecken und legte mich aufs Sofa. Während ich darüber nachdachte, ob das ein guter Tausch sei: ein fürstliches Mahl gegen einen freien Blick aufs Dorfgeschehen, schlief ich ein. Als ich wieder aufwachte, war Horst weg.

Und Ihr? Habt Ihr auch schon Bekanntschaft mit so einem Horst gemacht? Lasst es mich wissen, wenn Ihr mögt. Bis dahin eine gute Zeit. Eure Monni.