Walter macht Steuer

Am Montagmorgen, nachdem er mir mein Frühstück gemacht hatte, legte Walter die Stirn in Falten und stöhnte: „So, Mietzilein, heute machen wir Steuer“. Ich freute mich darauf, mich in die Anschauung seines Tagwerks „Steuer machen“ – was immer das bedeuten mochte – zu versenken, um bei dem Stelldichein zweier gegensätzlicher Arten von Zeitvertreib, seinem Tun und meinem Nichtstun, in meditative Sphären zu gelangen und nahm Platz auf dem Sofa.

Walter entnahm dem Wandregal über dem Schreibtisch diverse Schuhkartons, stellte sie auf dem Fußboden in Reihe, setzte sich mit einem lauten Seufzer daneben, zog einen der bis zum Rand mit Papieren gefüllten Kartons zu sich heran und begann, das Schichtwerk aus Rechnungen, Belegen, Infobriefen, Kontoauszügen… Blatt für Blatt zu sichten und an ausgewählte Stellen auf dem Parkett zu sortieren. Dabei murmelte er, jeweils eingeleitet durch ein Ächzen, Begrifflichkeiten, wie „Mieteinnahmen Balduinstraße“, „Ausgaben Ferienwohnung“, „Kapitalerträge“, „Privat“, „Diverses“… Nach und nach entstand um ihn herum eine Landschaft aus Papierhaufen. Hin und wieder hielt er inne und blickte griesgrämig auf die vor ihm aufgereihten vollen Kartons, offenbar ein Spalier des Grauens. Dabei entfuhren ihm Leidensäußerungen, wie „Ojeoje“, „Eieieieiei“ und „Pffffffff“. Vor allem dieses „Pffffffff“ glich dem Zischen eines Dampfdruckkessels bei Erreichen der Siedetemperatur und ließ mich jedes Mal hoch schrecken. An Meditation war hier nicht zu denken. Auch Ohren zuhalten nützte nichts. Walters Gestöhne drang durch meine Pfoten hindurch in meine Gehörgänge.

Irgendwann hatte ich genug, hüpfte vom Sofa und setzte mich auf den Papierhaufen direkt vor Walters Nase.Walter-Steuer-02-Katze-Illustrationj Er strich mir über das Fell, sagte mit erhobenem Zeigefinger: „Nichts durcheinander bringen, Mietzilein“ und sortierte weiter. Ich begann damit, nach den Dokumenten auf dem benachbarten Papierhaufen zu angeln.Walter-Steuer-03-Katze-IllustrationJetzt erhob Walter neben seinem Zeigefinger auch seine Stimme: „Nicht, Mietze, schön sein lassen“ und setzte sein Tun fort. Schließlich stieg ich in den Karton, aus dem Walter sich gerade bediente.Walter-Steuer-01-Katze-IllustrationDieses Signal verstand er endlich, stand auf, begab sich im Storchenschritt aus seinem Gral und kredenzte mir eine Portion Trockenfutter. Dann setzte er sich unter gequältem Ächzen wieder auf den Fußboden und sortierte weiter.

Das Trauerspiel wollte ich mir nicht länger mit ansehen. Und schon gar nicht anhören. Hastig würgte ich das Trockenfutter runter und machte mich aus dem Staub. Als ich von meinem Rundgang durchs Dorf zurück kam, es war Abend geworden, war Walter dabei, sämtliche Papierhaufen in separate Ordner zu heften. Dann machte er für mich Abendbrot. Bevor er ging, warf er noch mal einen Blick auf die frisch angelegten Ordner und seufzte: „Ach ja, morgen erfassen wir dann alles im PC, was, Mietzilein“. „Nein Danke“, erwiderte ich und nahm mir für den anderen Tag ein Alternativprogramm vor: Shopper-Spotting mit Kumpel.

Und Ihr? Was haltet Ihr von Steuer machen? Denkt Ihr auch, dass das etwas ist, was die Welt nicht braucht? Lasst es mich wissen, wenn Ihr mögt. Eure Monni

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