Tun und Nichtstun. Vom höheren Sinn des Nebeneinanders zweier gegensätzlicher Formen von Zeitvertreib. Heute: Susi deckt den Tisch

Eines der schönsten Dinge auf der Welt ist, Menschen beim Verrichten ihres Tagwerks zuzusehen. Dem Schauspiel hingabevoller Betriebsamkeit beizuwohnen, selbst nur dem bloßen Dasein verpflichtet, setzt meditative Kräfte frei. Der Menschen emsiges Tun und mein Nichtstun verschmelzen dann zu einer Einheit, zeichnen ein Bild friedvoller Geschäftigkeit in die Welt.

Neulich habe ich Susi dabei zugesehen, wie sie den Tisch deckt. Bereits als ich die Edelhütte von Walter und seiner Familie betrat, herrschte geschäftige Betriebsamkeit. Walter, mit Schürze und Kochlöffel bewaffnet, fuhrwerkte in der Wohnküche. Sämtliche Platten des Induktionsherdes waren in Beschlag genommen, im Backofen schmorte ein großes Fleischstück, aus dem Dampfgarer entwich der Gest…, äh, Geruch von Gemüse, die Arbeitsplatte der Kochinsel war übersät mit Töpfen, Schüsseln und Küchengeräten unterschiedlichster Art. Susi hatte bereits eine Tischdecke bereit gelegt und Geschirr, Besteck, Gläser und diverse Tischaccessoires aus den Schränken geholt. Ich nahm auf der Sitzlandschaft gegenüber des Esstisches Platz. Dann ging es los.

Susi-Tischdecke

Susi breitete die strahlend weiße Tischdecke mit floraler Stickerei auf dem Esstisch aus und strich sie glatt. Dann holte sie himmelblaue Tischsets, acht an der Zahl, von der Anrichte und verteilte sie in gleichmäßigen Abständen auf der Tischdecke. Dann kamen die Teller, achteckige. Sie platzierte die Teller mittig auf den Tischsets und richtete sie so aus, dass vier der acht Randabschnitte mit den Kanten der Tischsets parallel liefen. Dann verteilte sie das Besteck.

Susi-Besteck

Jeweils links von jedem Teller zwei Gabeln, rechts davon zwei Messer und einen Esslöffel, oberhalb einen Kaffeelöffel und eine Kuchengabel. Dann kamen die Gläser. Zu jedem Gedeck stellte sie ein Weißweinglas, ein Rotweinglas und ein Wasserglas. Außer bei Max und Moritz, da ließ sie die Weingläser weg. Dann stutzte sie: „Ach, Schatz was gab es als Vorspeise? War das nicht Fisch?“. Walter, der das Rezept für Kräutercroutons studierte, sie sollten als Topping das Kürbisschaumsüppchen krönen, bestätigte Susis Frage mit einem monotonen: „Hm? Jaja“. Susi entfernte bei jedem Gedeck eines der zwei Messer und tauschte sie gegen Fischmesser aus. Dann holte sie die Vorspeisenteller, achteckige, von der Anrichte und machte sich daran, sie auf die bereits vorhandenen großen Teller zu stellen. Beim Platzieren des vorletzten Tellers glitt ihr dieser aus der Hand, ging zu Boden und kaputt. „Mist, jetzt hab ich einen Teller zu wenig. Schatz, was meinst Du, nehmen wir doch die runden Teller?“ Walter, der dabei war, Toastbrot für die Croutons zu würfeln, bestätigte, ohne von seiner Tätigkeit aufzublicken, Susis Frage mit einem weiteren: „Hm? Jaja“. Susi machte sich daran, sämtliche Teller wieder zu entfernen und gegen runde auszutauschen.

Susi-Teller-01

Dann ging sie in den Keller und kam kurze Zeit später mit einem Gebilde aus Blumen in verschiedenen Rosatönen, weiß lackierten Zweigen und Dekoelementen aus Silberdraht wieder. Sie platzierte das Gesteck mittig auf dem Tisch, trat einen Schritt zurück, nahm das Gesteck wieder von der Tischmitte weg und platzierte es an einem der Tischenden. Dann holte sie die zwei silbernen, dreiarmigen Kerzenleuchter von der Anrichte, stellte sie auf den Tisch, trat einen Schritt zurück, nahm sie wieder weg, verschwand im Flur und kam wieder mit fünf silbernen Teelichthaltern mit weihnachtlichem Prägedekor, die sie gleichmäßig auf der Freifläche zwischen den Gedecken verteilte. „Du, Schatz, die Festtage sind schon vorbei, aber ich nehm noch mal die Teelichthalter mit den Rentieren, was meinst Du?“ Walters Stimme, er war gerade dabei, karamellisierte Zitronenschnitze mit einem Schuss Noilly Prat abzulöschen durchdrang die Wolke aus aufsteigendem Wasserdampf mit einem: „Hm? Jaja“.

Dann setzte sich Susi zu mir auf die Sitzlandschaft und betrachtete ihr Werk. Dann sagte sie: „Ach, die blauen Tischsets sehen einfach nicht aus“, stand wieder auf, entfernte sämtliche Teller und sämtliches Besteck, nahm die blauen Tischsets weg, verschwand im Flur, kam wieder mit zwei Packungen ‚Tischsets, 4er, champagner’, öffnete sie und legte ein Exemplar probeweise auf den Tisch. „Schatz, was meinst Du, die passen besser, oder?“. Walter, der inzwischen damit angefangen hatte, die Küche aufzuräumen, raunte, untermalt vom Geklapper aneinander schlagender Geschirrteile: „Hm? Jaja“. Susi verteilte die champagnerfarbenen Tischsets und macht sich daran, den Tisch wieder einzudecken.

Susi-Glas

Als sie die letzte Kuchengabel ablegte fragte Walter, der gerade damit fertig geworden war, das Chaos in der Küche zu beseitigen: „Na, auch ein Glas Wein?“. Susi bejahte und beide begaben sich mit ihren Getränken zu mir auf die Sitzlandschaft.

Walter ließ seinen Blick über die Tafel schweifen: „Sieht schön aus“, schwärmte er. „Ja, und aus der Küche duftet es verführerisch“, meinte Susi. Als die Gläser leer waren, erhob sich Walter mit einem Seufzer: „So, jetzt duschen und umziehen, dann können die Gäste kommen“. Dann strich er mir über das Fell und sagte: „Na, Mietzilein, Du machst es richtig. Katze müsste man sein“. Nun stand auch Susi auf, seufzte ebenfalls, strich mir über das Fell, bestätigte: „Ja, da sagst Du was. Katze müsste man sein“, und verließ mit Walter den Raum.

Und Ihr? Wie haltet Ihr es mit der Farbe der Tischsets? Bevorzugt Ihr achteckige Teller oder runde? Was haltet Ihr von Kürbisschaumsüppchen? Lasst es mich wissen, wenn Ihr mögt. Bis dahin, Eure Monni.

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3 Kommentare

    1. Ja, liebe Rosie, da hast Du völlig recht. Aber Susi zog sich ja noch um und trug dann zum Diner ein lindgrünes Cocktailkleid. Das verlieh zusammen mit dem Blumengesteck in Rosétönen dem Abend ein frisches Flair und passte hervorragend zu den grasgrünen Mokkasins von Walter 🙂

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