Horst

Es geschah etwas Unerhörtes. Ich saß auf meiner Fensterbank und genoss nach dem Regen, der letzte Nacht auf unser Dorf niedergegangen war, den Anblick der frisch gewaschenen Welt. In den Pfützen auf der Straße spiegelte sich die aufgerissene Wolkendecke, die Häuserfront gegenüber war von der Morgensonne in rötliches Licht getaucht. Plötzlich schob sich mit Getöse eine blaue Wand vor mein Fenster. Die Aussicht war verstellt, mein Zimmer dunkel. Was war das? Apocalypse now? Sollte die Welt gleich untergehen?

Obwohl ich ein mulmiges Gefühl hatte, ging ich nach draußen, um nachzusehen, was passiert war. Unschlüssig, wie ich dem blauen Ungetüm, würde es zum Äußersten kommen, begegnen sollte, blieb ich, als ich im Freien war, erst mal hinter dem Haus sitzen und wusch mein Fell. Dann hörte ich Stimmen. „Mensch Jung, hörens. Prima, dat ich mingem Dicken für Dingem Hus hinstelle kann. Is ja au nur für’ne paar Stunden. Terminjeschichte Amsterdam, morjen früh. Hück Nacht laden in Frankfurt. Wird immer jecker, dat Transportjeschäft. Dat Läwen is ene Karussel, fahren mer halt mit. Nu nit dä Spaß verderbe losse.“ „Ja, da sagst Du was.“ Das war jetzt die Stimme von Walter. „Schön, Dich mal wieder zu sehen, kommst Du mit rein auf einen Kaffee?“ „Kaffee? Prima! Immer jerne.“ Die Haustür wurde aufgeschlossen. Walter und der andere verschwanden im Haus.

Meine Neugier siegte und ich ging ums Haus, um den ‚Dicken’ aus der Nähe zu betrachten. Es handelte sich um einen riesenriesenriesenriesen-, um einen unsagbar großen LKW. Das Ding war länger, als das Haus und reichte in der Höhe bis an die Fensterbänke der oberen Etage. Auf dem blauen Untergrund des Anhängers prangte in Weiß der Schriftzug ‚Müller-Logistik’. Hinter der Windschutzscheibe war ein Schild angebracht. Darauf stand ‚HORST’. Jetzt erkundete ich die Unterseite des Riesendings. Vom Führerhaus aus spazierte ich einmal der Länge nach bis ans andere Ende. Es roch streng nach Straße. Als ich, hinten angelangt, aus dem Schatten der Karosserie und wieder ins Sonnenlicht trat, kamen gerade Walter und der andere aus dem Haus. „Na, Mieze, da bist Du ja“, sagte Walter. „Da staunst Du, was. Ein ganz schön dicker Brummer, Die Transportkutsche von Horst.“

Horst trug ein kariertes Hemd. Sein mächtiger Bauch zeichnete sich kugelförmig darunter ab. Die stämmigen Beine waren bis zu den Waden bedeckt mit einer Dreiviertel-Hose im Cargo-Stil. Die riesigen Füße steckten sockenlos in knallgelben Sandalen im XXL-Format. Horst beugte sich zu mir herab, strich mir mit seiner Pranke über den Kopf und sagte: „Na, Katz, hörens, Do bess ja ene janz“ – Pause – „außerjewöhnliche“. Dann zupfte er mich erst am linken, schließlich am rechten Ohr.

M-Horst-zupft-Ohr

Was für ein Unverschämt! Ich sagte nichts und dachte nur: ‚und Du erst, Du mit Deiner Übergröße in allen Belangen’! Dann ging ich hinein, frühstücken. Walter hatte mir eine extra große Portion von meinem Lieblingsessen hingestellt. Das sollte wohl davon ablenken, dass mein wunderbarer Ausblick aus dem Fenster verstellt war. Ich ließ es mir schmecken und legte mich aufs Sofa. Während ich darüber nachdachte, ob das ein guter Tausch sei: ein fürstliches Mahl gegen einen freien Blick aufs Dorfgeschehen, schlief ich ein. Als ich wieder aufwachte, war Horst weg.

Und Ihr? Habt Ihr auch schon Bekanntschaft mit so einem Horst gemacht? Lasst es mich wissen, wenn Ihr mögt. Bis dahin eine gute Zeit. Eure Monni.

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