Walter

Nebel, Nebel, Nebel. Das Dorf ist in dicke, weisse Watte gepackt. Feuchte Watte. Brrrrr. Heute Morgen gab’s Hühnchen in Soße. Das mag ich normalerweise gerne. Heute hat es mir nicht geschmeckt. Ich habe trotzdem alles aufgegessen. Aus lauter Langeweile. Und um Walter nicht zu irritieren. Sonst krieg ich nachher wieder Rind. Und das mag ich wirklich nicht.

Walter ist mein Versorger. Er hat kanadische Wurzeln, mag Blockhäuser und heißt eigentlich Ken. Im Dorf nennen ihn alle Walter. Wegen der T-Shirts aus seiner Zeit bei Walter Solutions. Davon hat er viele. Er trägt sie fast täglich. Vor ein paar Jahren gewann Walter im Lotto. Er wurde Privatier und baute sich ein paar Straßen weiter eine Villa im Blockhaus-Stil. Seine Frau Susi nimmt im Sommer gerne ein Bad im beheizten Pool. Das Baumhaus seiner Söhne Max und Moritz ist ausgestattet mit Solarheizung und Flachbildschirm. Das alte Haus, mein Haus, hat Walter behalten. Hier hat er ein Büro eingerichtet, das er dazu nutzt, um sein Vermögen zu verwalten. Die obere Etage wird hin und wieder als Ferienwohnung vermietet.

Walter hat mal versucht, mich in die Blockhausvilla umzusiedeln. Er hatte sich sehr Mühe gegeben. Unter der Treppe im Foyer hatte er auf einer antiken Kommode einen kuscheligen Schlafplatz für mich eingerichtet. Zu Fressen bekam ich aus einer flachen Porzellanschale mit goldenem Rand. An der Haustür aus massiver Eiche hat er eine Katzenklappe installieren lassen. Ich durfte auch auf der Sitzlandschaft im Wohnzimmer lümmeln. Aber nach ein paar Tagen bin ich wieder zurück in mein eigenes Haus. Die Nächte in dem mit Dreifachverglasung ausgestatteten Wohnpalast sind unangenehm still. Ich mag es, wenn der Wind durch die Ritzen pfeift und mich der prasselnde Regen in den Schlaf lullt. Es gibt nichts Schöneres, als in einem Haus mit knarrender Balkendecke an einem Sommermorgen vom Duft frisch geschnittenen Grases geweckt zu werden.

Manchmal fällt mir hier die Decke auf den Kopf. Dann statte ich Walter und seiner Familie in ihrer Edelhütte einen Besuch ab. Ich glaube, ich gehe gleich noch rüber.

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Und? Was macht Ihr so, wenn Euch die Decke auf den Kopf fällt? Geht Ihr raus in die Natur? Oder unter Menschen? Oder einfach wieder zurück aufs Sofa oder ins Bett? Lasst es mich wissen, wenn Ihr mögt. Bis dahin eine gute Zeit, Eure Monni.

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2 Kommentare

  1. Also, ich persönlich liebe ja die Langeweile. Leider kommt sie jetzt nicht so oft bei mir vor. Aber wenn, dann freu ich mich wie wild und genieße das in vollen Zügen. Dann lieg ich gelangweilt auf dem Sofa.Freu mich vor mich hin und seufze ab und an. das klingt dann ungefähr so: ‚eaaeaaeaeaeach‘. Manchmal murmel ich auch“Ist das schön, ist das schön.“ Nach einer Weile kommen mir dann Ideen in den Sinn und ich zücke mein Notebook & den Grafikstift.

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